Was ist spirituelles Bypassing?

Um diese Frage zu beantworten, zitieren wir Marc Aixalà und sein Buch „Psychedelic Integration“ (Seiten 147–150):

„Ein mögliches Ergebnis eines therapeutischen Prozesses oder einer spirituellen Praxis, die nicht gewöhnliche Bewusstseinszustände einbezieht, ist das häufig beschriebene Phänomen des Spiritual Bypass.

Der Begriff ‚Spiritual Bypass‘ wurde in den 1980er-Jahren von John Welwood, einem buddhistischen Psychotherapeuten, geprägt. Er beschreibt die Tendenz, Spiritualität und spirituelle Erfahrungen als Mechanismen zur Vermeidung von Problemen zu nutzen. Wir versuchen möglicherweise, das Leid des Lebens zu umgehen, indem wir uns hinter pseudo-spirituellen Ideen verstecken. Dazu gehören Vorstellungen wie Transzendenz, die Unwirklichkeit und Vergänglichkeit aller Dinge, das Dasein eines grösseren Plans oder kosmischen Spiels, in dem wir alle Teil sind, oder die vermeintliche Loslösung vom Ego, die jedoch meist keine echte Distanz zu unseren Erfahrungen schafft. Unsere spirituelle Praxis und unsere Erlebnisse können so zu einem Fluchtweg aus der Realität werden.

Häufig hatten diese Menschen tatsächlich echte spirituelle Erfahrungen, die jedoch aufgrund unzureichender Integration zu einer kindlichen und wenig produktiven Form von Spiritualität führten. Ein Spiritual Bypass wird so zu einem Hindernis für echte Selbsterkenntnis und die Entwicklung einer reifen Spiritualität.

Masters (2010) schreibt: ‚Der echte Kontakt mit der ultimativen Realität garantiert keine echte Spiritualität.‘ Zu den möglichen Manifestationen eines Spiritual Bypass gehören: übertriebene Loslösung, emotionale Verflachung, Unterdrückung, ein übermässiger Fokus auf das Positive, Angst vor Wut, blinde oder übertriebene Mitgefühl, schwache oder durchlässige Grenzen, unausgeglichene Entwicklung (kognitive Intelligenz ist stärker ausgeprägt als emotionale oder moralische Intelligenz), schwaches Urteilsvermögen in Bezug auf eigene Negativität oder Schattenseiten, Abwertung des Persönlichen zugunsten des Spirituellen sowie die Illusion, einen höheren Bewusstseinszustand erreicht zu haben.

Masters unterscheidet zudem zwischen groben und subtilen Formen des Spiritual Bypass, abhängig davon, wie ausgefeilt diese Mechanismen bei verschiedenen Personen auftreten.

Der aktuelle Kontext von schneller Globalisierung, der Popularisierung schamanischer Praktiken und des zunehmenden Interesses an psychedelischen Erfahrungen – sei es als therapeutisches Werkzeug oder als spirituelle Praxis – unterstützt den Umgang mit diesem Phänomen kaum. Obwohl spiritueller Konsumismus schon immer existierte, ist er heute vielleicht präsenter denn je. Es gibt eine extreme Vielzahl von Retreat-Zentren, die unterschiedlichste und neue Therapien anbieten, oft als ‚Wunderbehandlungen‘ vermarktet, die verschiedene Substanzen und Methoden eklektisch kombinieren. Um auf dem spirituellen Markt bestehen zu können, muss jedes Angebot herausstechen – daher die Tendenz, wundersame Heilungen und Erleuchtungen zu versprechen, die sofortige und sichere Ergebnisse garantieren sollen. Solche Angebote fördern jedoch sehr häufig Spiritual Bypass.

Darüber hinaus trägt das wachsende Paradigma der positiven Psychologie, gepaart mit der Tendenz, Menschen für ihr eigenes Leid verantwortlich zu machen, zusammen mit dem kommerziellen Aspekt, dazu bei, ein oberflächliches Verständnis von Spiritualität zu schaffen. Unsere westlich-kapitalistische Mentalität begünstigt die Vorstellung, Spiritualität als linearen Prozess mit greifbarem Ziel zu verstehen, das ein glückliches und sorgenfreies Leben garantieren soll. Statt eines echten Verständnisses für die Feinheiten spiritueller Reife mit all ihren Nuancen und Widersprüchen wird uns häufig eine vereinfachte Version verkauft. Jack Kornfield lehrt, dass wir selbst nach Erleuchtung und ekstatischen Erfahrungen noch täglich die Aufgabe haben, diese Freiheit in unser unvollkommenes Leben zu integrieren – wir müssen beispielsweise unsere Wäsche erledigen (Kornfield, 2001).

Heschel schreibt visionär: ‚Gott wäre ausser Reichweite, wenn wir Ihn im Labyrinth unseres Geistes unter dem Licht unserer mentalen Feuerwerke suchen würden‘ (Heschel, 1951). Transzendenz oder Heiligkeit auf die inneren Feuerwerke psychedelischer Erfahrungen zu projizieren, kann ein Hindernis für echte Transzendenz werden. Unsere inneren Visionen können uns täuschen, sodass wir glauben, spirituell weiterentwickelt zu sein, als wir tatsächlich sind – was sowohl Spiritual Bypass als auch Ego-Aufblähung fördert.

Die meisten Aspekte von Spiritual Bypass behindern die Entwicklung reifer Spiritualität und erschweren den verantwortungsvollen Umgang mit alltäglichen Aufgaben. In manchen Situationen kann dieses Phänomen jedoch auch positive Aspekte haben. Menschen, die schwere Lebenskrisen, schmerzliche Verluste oder traumatische Erfahrungen durchleben, können durch psychedelische Erfahrungen Momente von Freiheit, Freude oder spiritueller Dimension erleben. Für Aussenstehende mag dies wie eine Vermeidung von schmerzhaften, unbewussten Inhalten wirken – und diese Einschätzung kann zutreffen.

Gleichzeitig kann diese Phase des Spiritual Bypass als notwendiger Schritt auf dem Weg zu tieferen Ebenen der Psyche verstanden werden. Auch wenn diese positiven Erfahrungen und die vorübergehende Transzendenz von Schmerz nicht vollständig ‚real‘ sind, hinterlassen sie oft einen wertvollen Eindruck, der es der Person ermöglicht, Vertrauen in den eigenen Wert und den inneren Prozess zu entwickeln. Solche Zustände können wie ein Sauerstofftank für jemanden in verletzlicher Situation wirken. Daher sollte ein Spiritual Bypass nicht vorschnell konfrontiert werden, sondern die Situation der Person in ihrer Gesamtheit berücksichtigt werden.

Befindet sich jemand in einem therapeutischen Prozess oder auf einem Weg persönlicher Entwicklung und erhält Unterstützung von einem erfahrenen Therapeuten oder einem verständnisvollen Lehrer, wird er oder sie schliesslich in der Lage sein, diese Erfahrungen unreifer Spiritualität zu überwinden und als wichtige Schritte für die weitere persönliche Entwicklung zu erkennen.“

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